BahnBrief · KW 29 · Gratis

KISS Cityjet ohne Fahrgenehmigung, DB-Generalsanierungen unter Druck und der Anschlag zwischen Köln und Düsseldorf

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Liebe Leserin, Lieber Leser,

kaum eine Sanierung, bei der es aktuell nicht hakt: In Deutschland ist die Korridorsanierung Hagen–Wuppertal–Köln offiziell abgeschlossen, aber wegen einer erst am letzten Bautag entdeckten maroden Brücke nur eingleisig befahrbar. Zeitgleich verzögert sich Nürnberg–Regensburg um drei Wochen, Verkehrsminister Schnieder stellt das Konzept auf den Prüfstand, und ein Brandanschlag zwischen Köln und Düsseldorf reiht sich in eine wachsende Serie ein. In Österreich sorgt eine Fahrgenehmigungs-Panne bei den neuen KISS-Cityjet-Garnituren für Aufsehen, und bei Leo Express läuft nach der Aufnahme der Verbindung Frankfurt–Bohumín ein wilder Wagenmix, der einen kleinen Nachtzug-Wagen einer ganz anderen Marke einschließt.

Viel Freude beim Lesen wünscht DirPaul von bahnblick

In dieser Ausgabe
  • Die dritte Korridorsanierung dieses Jahres nach Hamburg–Berlin und Nürnberg–Regensburg endet mit einer Panne: Eine erst am letzten Bautag entdeckte marode Brücke zwingt zur Eingleisigkeit. Verkehrsminister Schnieder stellt das Konzept auf den Prüfstand, DB-Chefin Palla ebenso.
  • Am Freitag brannten zwischen Langenfeld und Leverkusen Böschungen und Kabelschächte, mehrere Signalkabel wurden schwer beschädigt. Die linksextreme Gruppe „Kommando Angry Birds" hat sich zur Tat bekannt.
  • Die neuen Cityjet-KISS-Garnituren (Baureihe 4736) waren am Samstag und Sonntag flächendeckend aus dem Verkehr, Grund war eine technische Störung im Bereich der Energieversorgung. Seit Montag sind sie wieder planmäßig im Einsatz.

Österreich

KISS Cityjet über das Wochenende ohne Fahrgenehmigung

Die neuen Cityjet-KISS-Garnituren (Baureihe 4736) sind über das vergangene Wochenende ausgefallen und mussten flächendeckend abgestellt werden. Von den ÖBB hieß es, es habe keine gültige Fahrgenehmigung mehr gegeben, Hintergrund war eine technische Störung im Bereich der Energieversorgung. Für Fahrgäste bedeutete das am Samstag und Sonntag deutliche Einschränkungen, insbesondere auf der Linie CJX9, auf der der 4736 seit 15. Juni planmäßig im Einsatz ist (siehe BahnBrief KW 24). Auf unsere Anfrage teilte die ÖBB mit: „Am Wochenende wurden aufgrund einer technischen Störung im Bereich der Energieversorgung einige Fahrzeuge vorübergehend abgestellt, um die Situation umfassend zu bewerten und die Ursachen sowie mögliche Auswirkungen zu klären. Der Vorfall wurde entsprechend evaluiert und die Bewertung hat ergeben, dass einem regulären Fahrgasteinsatz nichts im Wege steht. Dementsprechend sind die Fahrzeuge seit heute, Montag, 13. Juli, wieder planmäßig im Einsatz."

Die neuen KISS wurden erst im April 2026 für Österreich, Tschechien und die Slowakei zugelassen (siehe BahnBrief KW 18), starteten Mitte Juni auf der CJX9 in den Plandienst und sind seither wiederholt durch Kinderkrankheiten aufgefallen, wir hatten das zuletzt in KW 27 im Zusammenhang mit dem massiven Wiener S-Bahn-Ausfallbild thematisiert. Auch dadurch ist wahrscheinlich der 4020 noch länger im Einsatz

Railjet-Garnitur 37 fährt als Sechsteiler

Ein separater, kleiner Sonderfall bei den bestehenden Railjet-Garnituren: Die Garnitur 37 verkehrt aktuell nur als Sechsteiler statt regulär als Siebenteiler. Auf unsere Anfrage teilte die ÖBB mit: „Hintergrund der Einschränkung ist ein Defekt an der Energieversorgungsanlage an einem Wagen. Da auch die Verkabelung betroffen ist, erfordert die Behebung des Schadens einen entsprechenden technischen Aufwand. Die betroffene Garnitur wird bis zur vollständigen Reparatur primär für Schulungszwecke sowie schwach ausgelastete Umlauftage eingesetzt." Operativ ist der reduzierte Umlauf einer einzelnen Garnitur bei einer Flotte in dieser Größe unauffällig, im Kontext der Themen dieser Woche aber ein weiteres Puzzleteil im derzeit angespannten Bild.

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Deutschland

Korridorsanierung Hagen–Wuppertal–Köln endet planmäßig, aber nur eingleisig

Eigentlich hätte am vergangenen Freitag die 800 Mio. Euro teure Korridorsanierung der Strecke Hagen–Wuppertal–Köln (rund 65 km Streckenlänge) planmäßig zu Ende gehen sollen. Faktisch ist die Freude überschaubar: Am letzten Bautag stellte die DB InfraGO fest, dass eine Brücke im Streckenabschnitt marode ist, der Vorfall wurde in den bisherigen Inspektionen (zuletzt Ende 2025) nicht erkannt. Die Strecke wurde nur eingleisig freigegeben. Wer aktuell von Berlin nach Köln reist, muss über das Ruhrgebiet fahren und in Düsseldorf umsteigen, im Regionalverkehr nach Hagen, Wuppertal oder Solingen sind massive Einschränkungen die Folge. Zeitgleich lief eine mehrwöchige Vollsperrung der S-Bahn-Strecke zwischen Hagen und Wuppertal (S8/S9), die den ohnehin belasteten Streckenraum zusätzlich unter Druck setzte.

Bemerkenswert an der Konstellation ist ein struktureller Befund, den mehrere Beobachter der letzten Tage klar aussprechen: Die DB hat bei der Sanierung die Stellwerkstechnik komplett ausgeklammert. Von acht Stellwerken in der Region gelten nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums lediglich drei als „gerade noch befriedigend", die Erneuerung ist erst weit in den 2030er-Jahren vorgesehen. Wuppertals Oberbürgermeisterin Miriam Scherff (SPD) warf der DB in einem offenen Brief „Missmanagement" vor, die Probleme untergrüben aus ihrer Sicht die Akzeptanz des öffentlichen Verkehrs insgesamt. Auch der Verband der Güterbahnen sieht ein grundsätzliches Managementproblem: Geschäftsführer Peter Westenberger sagte der dpa, Vollsperrungen für gebündeltes Bauen seien nicht per se falsch, benötigten aber „operative Exzellenz", und genau die fehle.

Parallel dazu verzögert sich die Inbetriebnahme der Korridorsanierung Nürnberg–Regensburg um drei Wochen bis zum 31. Juli, Grund sind Verzögerungen bei der Sicherheitsüberprüfung der Stellwerkstechnik. Damit ist Hagen–Wuppertal–Köln die dritte Korridorsanierung in diesem Jahr, bei der es nicht rundläuft, nach Hamburg–Berlin (sechs Wochen Verzögerung) und Nürnberg–Regensburg. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) hält am Konzept fest, kündigt aber Nachsteuerung an: „Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass das Konzept der Korridorsanierung das richtige ist. Aber wir müssen überlegen, so wie es jetzt aufgesetzt ist, erreichen wir die Ziele, die wir uns vorgenommen haben?" DB-Chefin Evelyn Palla hat vergangene Woche angekündigt, das Konzept auf den Prüfstand zu stellen, „die Art und Weise, wie wir mit der Korridorsanierung umgehen, wie wir planen, wie wir umsetzen, wie wir in Betrieb nehmen", müsse neu bewertet werden. Aus Branchensicht ist das ein wichtiges Signal, das wir in den letzten Wochen mehrfach angerissen haben (siehe BahnBriefe KW 17, KW 21, KW 24). Ein theoretisches Warnszenario steht bereits vor der Tür: In drei Monaten startet die Generalsanierung Berlin–Hannover. Zwei große Baustellen gleichzeitig auf der Achse Berlin–Köln wäre einer Fahrgastschaft, die aktuell ohnehin ihre Geduld verliert, kaum noch zu vermitteln.

Brandanschlag auf Bahnstrecke Köln–Düsseldorf, „Kommando Angry Birds" bekennt sich

Am vergangenen Freitag brannten an zwei Stellen zwischen Langenfeld und Leverkusen Böschungen und Kabelschächte an der Bahnhauptstrecke Köln–Düsseldorf. Mehrere Signalkabel wurden schwer beschädigt, der Zugverkehr auf der Achse musste temporär eingestellt werden. Die Strecke ist inzwischen wieder freigegeben. Ermittler gehen nach einem auf der Plattform Indymedia veröffentlichten Bekennerschreiben von vorsätzlicher Sabotage aus. Verantwortlich zeichnet die linksextreme Gruppe „Kommando Angry Birds", das Schreiben gilt laut Sicherheitskreisen als authentisch. Als Motiv nennt die Gruppe ein angebliches „Massensterben infolge einer technologischen Eskalation", das Bundesamt für Verfassungsschutz ordnet die Gruppe dem Linksextremismus zu und weist auf antikapitalistische und ökologische Motive früherer Bekennerschreiben hin.

Bemerkenswert ist die Serienbildung: Das „Kommando Angry Birds" hatte sich bereits im Juli 2025 zu einem Anschlag auf die Bahnstrecke Düsseldorf–Duisburg bekannt sowie Anfang 2026 zu einem versuchten Anschlag auf ein Umspannwerk in Erkrath bei Düsseldorf. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) formulierte: Es müsse „als eine Aktion von Linksextremisten eingestuft werden, vor allen Dingen, da es vergleichbare Taten gegeben hat". Aus Sicht der Bahnbranche ist das Muster relevant: Kritische Infrastruktur wie Signal- und Kabelanlagen ist gezielt angreifbar, mit hoher Wirkung auf den Betrieb und vergleichsweise geringem Aufwand für die Täter. Der Staatsschutz der Kölner Polizei hat die Ermittlungen übernommen, geprüft werden auch Verbindungen zu den früheren Taten.

NBS Hamburg–Hannover: Entscheidung erst nach der Sommerpause

Die seit Jahren umstrittene Neubaustrecke Hamburg–Hannover wird vor der Sommerpause nicht entschieden. Nach der Anhörung im Bundesverkehrsausschuss (siehe BahnBrief KW 17) signalisieren nun CDU und SPD grundsätzliche Zustimmung, die Union hat allerdings zur Bedingung gemacht, dass parallel auch Verbesserungen auf der Bestandsstrecke erfolgen. Damit ist eine Entscheidung noch vor der Sommerpause vom Tisch, das Ergebnis soll voraussichtlich Ende September fallen. Aus verkehrspolitischer Sicht bleibt die Konstellation offen: Während sechs andere Bundesländer bereits einen offenen Brief pro Neubaustrecke unterzeichnet haben, positioniert sich Niedersachsen weiter gegen das Vorhaben. In der Bundestagsdrucksache 21/6595 fordert die AfD sogar, die NBS/ABS Hannover–Hamburg nicht weiterzuverfolgen, sondern eine Studie zu einer Magnetschwebebahntrasse in Auftrag zu geben, ein Ansatz, den CDU und SPD in der Ausschusssitzung deutlich zurückwiesen.

DB stellt Programm für bessere Kund:innenkommunikation vor

Die Deutsche Bahn will bis Ende 2027 rund 50 Millionen Euro zusätzlich in ihre Kundenkommunikation stecken. Herzstück am Bahnsteig sind 7.000 neue Anzeiger für kleine, mittlere und große Bahnhöfe. An großen Stationen zeigen die Displays künftig neben Abfahrtszeiten auch Wagenklasse, Wagenreihung, Folgezüge und Serviceeinrichtungen an – bisher oft Informationen, die Reisende nur über Durchsagen oder gar nicht bekamen. Kleinere Haltepunkte, die bislang häufig nur einfache Anzeiger oder automatische Ansagen hatten, sollen ebenfalls modernisiert werden: mit einem Druckknopf zum Vorlesen der Infos sowie einem eigenen Monitor für Baustelleninformationen.

Ergänzt wird das Ganze durch die KI-Assistenz Kiana im DB Navigator, schnellere Hinweise bei Gleiswechseln (künftig rund zwei statt bisher 60 Sekunden) und eine neue, separate App namens „DB Info“ ab Dezember 2026. Für Diskussionen sorgt dabei vor allem, dass der DB Navigator selbst entgegen der ursprünglichen „Agenda für zufriedene Kunden“ nicht an die neutrale DB InfraGO wandert, sondern bei der gewinnorientierten DB Fernverkehr bleibt – Fahrgastverband Pro Bahn und der Wettbewerbsverband mofair kritisieren das als Kehrtwende zulasten der Konkurrenz.

Europäisches Ausland

Leo Express Frankfurt–Prag–Bohumín: Bunter Wagenmix mit RDC-Kuriosität

Zwei Wochen nach der Betriebsaufnahme der Verbindung Frankfurt am Main–Prag–Bohumín lohnt sich der genauere Blick auf das eingesetzte Wagenmaterial. Denn hier ist mittlerweile eine bemerkenswerte Mischung unterwegs. Grundlage der Zuggarnitur sind ehemalige DB-Intercitywagen, die Leo Express über Renfe Alquiler angemietet hat. In der Startphase laufen drei dieser Wagen im Zug, ursprünglich als Erste-Klasse-Abteilwagen konzipiert (54 Sitzplätze pro Wagen), werden sie bei Leo Express aktuell als Economy Class geführt. Business Class und weitere Liegewagen sind für den späteren Sommer angekündigt. Auf deutschem Abschnitt fährt der Zug unter Betriebsführung von BahnTouristikExpress (BTE), traktioniert mit Vectron-Lokomotiven.

Fachlich wirklich spannend, und aus Sicht mancher Fahrgäste möglicherweise skurril, ist eine Beobachtung mehrerer Mitreisender: Auf der Verbindung läuft auch ein Liegewagen der RDC-Deutschland-Gruppe mit, die man vor allem aus dem Alpen-Sylt Nachtexpress kennt. Offiziell ist der Wagen als Personalwagen deklariert, was bei einer Fahrzeit von rund 18 Stunden nachvollziehbar ist. Nach Reiseberichten dürfen Fahrgäste jedoch vorerst ebenfalls mit einsteigen, ohne den Wagen buchen zu können. Das ist rechtlich ein Graubereich, das RDC-Fahrzeug ist nicht Teil des offiziellen Angebots und im Buchungssystem nicht verfügbar. Für Leo Express dürfte die Konstellation eine praktikable Übergangslösung sein, bis die im Sommer angekündigten regulären Liegewagen aus der ex-DB-Flotte tatsächlich verfügbar sind.

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